Geroprotektive Substanzen: Die Zukunft der Langlebigkeitsmedizin?
Während Ernährung und Bewegung als Grundpfeiler gesunden Alterns etabliert sind, rücken zunehmend pharmakologische Interventionen in den Fokus der Alternsforschung. Sogenannte Geroprotektiva sind Substanzen, die gezielt in Alterungsprozesse eingreifen und die Gesundheitsspanne verlängern könnten.
Die Forschung zu diesen Substanzen befindet sich in einem spannenden Stadium: Während einige Wirkstoffe wie Metformin bereits in klinischen Studien am Menschen getestet werden, stammt die Evidenz für andere hauptsächlich aus Tiermodellen. Diese Seite bietet einen evidenzbasierten Überblick über die vielversprechendsten Kandidaten – mit wissenschaftlicher Sorgfalt und ohne überzogene Versprechen.
Wichtig zu verstehen: Geroprotektiva sind keine "Anti-Aging-Wundermittel". Sie zielen darauf ab, die biologischen Mechanismen des Alterns zu verlangsamen – nicht das Altern zu stoppen. Die meisten befinden sich noch in der Forschungsphase, und ihre Langzeitwirkungen beim Menschen sind nicht vollständig geklärt.
Metformin: Der etablierte Diabetes-Wirkstoff mit Anti-Aging-Potenzial
Wirkmechanismus
- Aktivierung von AMPK (zellulärer Energiesensor)
- Verbesserung der Insulinsensitivität
- Reduktion von Entzündungsmarkern
- Mögliche Modulation der Mitochondrienfunktion
Evidenzlevel
Moderat bis Hoch
Umfangreiche Humanstudien bei Diabetes; laufende TAME-Studie (Targeting Aging with Metformin) untersucht Langlebigkeitseffekte bei gesunden Älteren.
Metformin ist seit Jahrzehnten als Erstlinientherapie für Typ-2-Diabetes etabliert. Retrospektive Studien zeigen, dass Diabetiker unter Metformin-Behandlung teilweise länger leben als Nicht-Diabetiker ohne Metformin – ein überraschendes Ergebnis, das die Forschung zu seinen Anti-Aging-Eigenschaften anstieß.
Die laufende TAME-Studie (Targeting Aging with Metformin) untersucht erstmals systematisch, ob Metformin bei nicht-diabetischen Älteren die Entwicklung altersbedingter Erkrankungen (Herz-Kreislauf, Krebs, Demenz) verzögern kann. Erste Ergebnisse werden mit Spannung erwartet.
Off-Label-Use und Risiken
Metformin ist für Diabetes zugelassen, nicht für gesundes Altern. Die Einnahme außerhalb dieser Indikation (off-label) sollte nur nach ärztlicher Abwägung erfolgen. Mögliche Nebenwirkungen: gastrointestinale Beschwerden, Vitamin B12-Mangel (langfristig), sehr selten Laktatazidose.
Rapamycin: mTOR-Hemmung für verlängerte Lebensspanne
Wirkmechanismus
- Hemmung von mTOR (mechanistic Target of Rapamycin)
- Förderung von Autophagie (zelluläre Selbstreinigung)
- Modulation des Immunsystems
- Reduktion seneszenter Zellen
Evidenzlevel
Moderat (primär Tiermodelle)
Robuste Evidenz aus Mäusestudien; erste Humandaten zur Immunfunktion bei Älteren; Langzeitstudien fehlen noch.
Rapamycin ist eines der am besten untersuchten lebensverlängernden Wirkstoffe in der Tierforschung. In zahlreichen Studien verlängerte es die Lebensspanne von Mäusen um bis zu 25% – selbst wenn die Gabe erst im mittleren Alter begann.
Der zentrale Wirkmechanismus ist die Hemmung des mTOR-Signalwegs, eines zellulären Wachstumssensors. mTOR-Hemmung imitiert teilweise die Effekte von Kalorienrestriktion und aktiviert Autophagie – einen Prozess, bei dem beschädigte Zellbestandteile abgebaut und recycelt werden.
Beim Menschen ist Rapamycin als Immunsuppressivum nach Organtransplantationen zugelassen. Eine bahnbrechende Studie von Mannick et al. (2018) zeigte, dass niedrig dosiertes Rapamycin die Immunfunktion bei gesunden Älteren verbessern kann – ein vielversprechender Hinweis auf potenzielle Anti-Aging-Effekte.
Nebenwirkungen und Vorsicht
Rapamycin ist ein potentes Immunsuppressivum. Chronische Einnahme kann Infektionsrisiko erhöhen, Wundheilung beeinträchtigen und metabolische Nebenwirkungen haben (Insulinresistenz, Lipidstörungen). Off-Label-Use nur unter engmaschiger medizinischer Überwachung vertretbar. Dosierungsstrategien (z.B. intermittierende Gabe) werden erforscht, um Nebenwirkungen zu minimieren.
NAD+-Booster: NMN und NR für zelluläre Energie
Wirkmechanismus
- Erhöhung des NAD+-Spiegels (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid)
- Aktivierung von Sirtuinen (Langlebigkeitsproteine)
- Verbesserung der Mitochondrienfunktion
- DNA-Reparaturmechanismen unterstützen
Evidenzlevel
Mittel (aufkommende Evidenz)
Erste Humanstudien zeigen NAD+-Anstieg; Langzeiteffekte auf Gesundheit und Altern werden derzeit erforscht.
NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) ist ein essentielles Molekül für den Energiestoffwechsel jeder Zelle. Mit zunehmendem Alter sinken die NAD+-Spiegel deutlich – ein Prozess, der mit mitochondrialer Dysfunktion und verschiedenen Alterungsphänomenen in Verbindung gebracht wird.
Die beiden populärsten NAD+-Vorläufersubstanzen sind:
- NMN (Nicotinamid-Mononukleotid): Direkte Vorstufe von NAD+, vielversprechende Tierstudien
- NR (Nicotinamid-Ribosid): Alternative Vorstufe, besser erforscht in Humanstudien
Erste Humanstudien zeigen, dass sowohl NMN als auch NR die NAD+-Spiegel im Blut erhöhen können. Ob dies zu messbaren gesundheitlichen Vorteilen führt (z.B. verbesserte Stoffwechselgesundheit, kognitive Funktion), wird in laufenden klinischen Studien untersucht.
Besonders vielversprechend ist die Verbindung zu Sirtuinen – einer Proteinfamilie, die für zelluläre Reparatur- und Überlebensmechanismen wichtig ist und NAD+ als Cofaktor benötigt. Die Aktivierung von Sirtuinen wird mit den positiven Effekten von Kalorienrestriktion in Verbindung gebracht.
Aktueller Forschungsstand
NMN und NR gelten als sicher in den bisher getesteten Dosen. Langzeitstudien am Menschen fehlen noch. Die Substanzen sind als Nahrungsergänzungsmittel verfügbar, nicht als Arzneimittel zugelassen. Qualität und Reinheit können zwischen Herstellern stark variieren.
Senolytika: Gezielte Elimination alternder Zellen
Wirkmechanismus
- Elimination seneszenter (alternder) Zellen
- Reduktion des SASP (senescence-associated secretory phenotype)
- Verminderung chronischer Entzündungen
- Regeneration von Geweben
Evidenzlevel
Niedrig bis Mittel (Frühphase)
Überzeugende Tierstudien; erste klinische Studien laufen; Humaneffekte noch nicht etabliert.
Seneszente Zellen sind Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht absterben. Sie akkumulieren mit dem Alter und scheiden entzündungsfördernde Signalstoffe aus – das sogenannte SASP (Senescence-Associated Secretory Phenotype). Dieser Zustand trägt zu chronischen Entzündungen ("Inflammaging") und verschiedenen Alterserkrankungen bei.
Senolytika sind Substanzen, die gezielt seneszente Zellen eliminieren. In Tierstudien konnten sie die Gesundheitsspanne verlängern, altersbedingte Erkrankungen verzögern und sogar physische Funktion wiederherstellen.
Die bekanntesten Senolytika-Kandidaten sind:
- Dasatinib + Quercetin: Kombination eines Krebsmedikaments (Dasatinib) mit dem pflanzlichen Flavonoid Quercetin
- Fisetin: Natürliches Flavonoid aus Erdbeeren, Äpfeln
- Navitoclax: Experimentelles Krebsmedikament in klinischer Erprobung
Experimenteller Status
Senolytika befinden sich noch in frühen klinischen Studienphasen. Die meisten sind entweder verschreibungspflichtige Medikamente (Dasatinib) oder ihre Langzeitwirkung beim Menschen ist unbekannt. Selbstexperimente sind nicht empfohlen. Erste klinische Studien untersuchen Sicherheit und Wirksamkeit bei spezifischen altersbedingten Erkrankungen.
Weitere vielversprechende Substanzen
Resveratrol
Pflanzenstoff aus Rotwein und Trauben. Aktiviert Sirtuine. Vielversprechende Tierstudien, aber Humandaten gemischt. Bioverfügbarkeit ein Problem.
Evidenz: Niedrig bis Mittel
Spermidin
Polyamin, das Autophagie fördert. In Weizenkeimen, fermentierten Lebensmitteln. Erste Humandaten zur Herzgesundheit vielversprechend.
Evidenz: Mittel (aufkommend)
Alpha-Ketoglutarat (AKG)
Metabolit des Citratzyklus. Tierstudien zeigen lebensverlängernde Effekte. Erste Humanstudie zeigte Reduktion epigenetischen Alters.
Evidenz: Niedrig (sehr früh)
Urolithin A
Metabolit aus Granatäpfeln. Fördert Mitophagie (Mitochondrien-Recycling). Erste Humandaten zur Muskelgesundheit positiv.
Evidenz: Mittel (vielversprechend)
Nutzen-Risiko-Abwägung und medizinische Überwachung
Bevor Sie geroprotektive Interventionen in Erwägung ziehen, ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung essentiell:
Wichtige Überlegungen
1. Evidenzlevel realistisch einschätzen
Die meisten Geroprotektiva haben robuste Evidenz aus Tiermodellen, aber begrenzte Langzeitdaten vom Menschen. Was bei Mäusen funktioniert, muss nicht zwingend beim Menschen wirken.
2. Nebenwirkungen und Interaktionen
Viele Substanzen haben potenzielle Nebenwirkungen oder interagieren mit Medikamenten. Regelmäßige medizinische Überwachung (Blutbild, Leberwerte, etc.) ist notwendig.
3. Individuelle Gesundheitssituation
Bestehende Erkrankungen, Genetik, Lebensstil – all dies beeinflusst, ob und welche Interventionen sinnvoll sind. Pauschale Empfehlungen gibt es nicht.
4. Regulatorischer Status
Einige Substanzen sind verschreibungspflichtig (Metformin, Rapamycin), andere als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich (NMN, NR). Off-Label-Use von Medikamenten sollte nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Empfehlung: Wenn Sie geroprotektive Interventionen erwägen, suchen Sie einen Arzt mit Erfahrung in Präventiv- oder Longevity-Medizin. Ideal ist ein Ansatz, der Biomarker-Monitoring (z.B. epigenetisches Alter, Entzündungsmarker) einbezieht, um Effekte objektiv zu bewerten.
Personalisierte Supplementierung basierend auf Biomarkern
Die Zukunft der geroprotektiven Medizin liegt in der Personalisierung. Nicht jede Substanz ist für jeden sinnvoll – die Auswahl sollte idealerweise auf individuellen Biomarkern basieren:
- Epigenetisches Alter: DNA-Methylierungstests können biologisches vs. chronologisches Alter messen
- Entzündungsmarker: CRP, IL-6, TNF-α als Indikatoren für "Inflammaging"
- Stoffwechselmarker: HbA1c, Nüchternglukose, Insulinsensitivität
- NAD+-Spiegel: Direkte Messung möglich, gibt Hinweise auf zelluläre Energieproduktion
- Seneszenzmarker: Zellfreie DNA, spezifische Proteine als Indikatoren für seneszente Zellenlast
Ein personalisierter Ansatz würde beispielsweise Metformin bei erhöhten Blutzuckerwerten/Insulinresistenz priorisieren, NAD+-Booster bei nachgewiesenem NAD+-Mangel, oder Senolytika bei hoher Seneszenzlast.
Fazit: Vorsichtige Hoffnung und wissenschaftliche Sorgfalt
Geroprotektive Substanzen repräsentieren einen der vielversprechendsten Ansätze in der Alternsforschung. Die wissenschaftliche Grundlage ist bei einigen Kandidaten (Metformin, Rapamycin, NAD+-Booster) bemerkenswert robust – allerdings primär aus Tiermodellen.
Wichtig ist ein realistisches Verständnis:
- Keine Wundermittel: Geroprotektiva sind Teil eines ganzheitlichen Ansatzes – nicht Ersatz für gesunde Ernährung, Bewegung, Schlaf
- Langzeitstudien fehlen: Die meisten Substanzen wurden nicht über Jahrzehnte bei gesunden Menschen getestet
- Individuelle Variabilität: Genetik, Gesundheitszustand, Lebensstil beeinflussen Wirkung und Risiken
- Medizinische Begleitung essentiell: Besonders bei verschreibungspflichtigen Substanzen und Off-Label-Use
Die kommenden Jahre werden entscheidend sein: Große klinische Studien wie TAME (Metformin) werden zeigen, ob die in Tiermodellen beobachteten Anti-Aging-Effekte auch beim Menschen auftreten. Bis dahin gilt: Vorsichtige Hoffnung, wissenschaftliche Sorgfalt, und für die meisten Menschen vorrangig die Optimierung von Lebensstilfaktoren mit bereits etablierter Evidenz.
Nächste Schritte für Interessierte
- 1. Optimieren Sie zunächst Ernährung, Bewegung, Schlaf – hier ist die Evidenz am stärksten
- 2. Lassen Sie Ihre Biomarker untersuchen (Stoffwechsel, Entzündung, evtl. epigenetisches Alter)
- 3. Konsultieren Sie einen auf Longevity-Medizin spezialisierten Arzt
- 4. Bleiben Sie auf dem Laufenden über klinische Studien und neue Forschungsergebnisse
Wissenschaftliche Quellen
Quellenangaben
Barzilai, N., et al. (2016). Metformin as a Tool to Target Aging. Cell Metabolism, 23(6), 1060-1065.
Mannick, J. B., et al. (2018). mTOR inhibition improves immune function in the elderly. Science Translational Medicine, 10(449), eaaq1564.
Yoshino, J., et al. (2017). NAD+ intermediates: The biology and therapeutic potential of NMN and NR. Cell Metabolism, 27(3), 513-528.
Campbell, J. M., et al. (2020). Metformin Use Associated with Reduced Risk of Dementia. Diabetes & Metabolic Syndrome, 14(4), 467-476.
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Sinclair, D. A., & LaPlante, M. D. (2019). Lifespan: Why We Age—and Why We Don't Have To. Atria Books.
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Baur, J. A., & Sinclair, D. A. (2006). Therapeutic potential of resveratrol: the in vivo evidence. Nature Reviews Drug Discovery, 5(6), 493-506.
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