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Pillar PageAktualisiert: Januar 202625 Min. Lesezeit

Bewegung & Sport

Körperliche Aktivität zählt zu den wirksamsten Interventionen für gesundes Altern. Dieser Beitrag fasst die Forschung zu Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining zusammen und gibt konkrete Orientierungspunkte für die Praxis.

Auf einen Blick: Das Wichtigste

1
20-30% weniger Mortalität
Regelmäßige Bewegung senkt das Sterberisiko signifikant
2
Alle Hallmarks betroffen
Bewegung verbessert mitochondriale Funktion, Entzündungswerte u.v.m.
3
150 Minuten pro Woche
WHO-Empfehlung für moderate bis intensive Aktivität
4
Krafttraining essentiell
2x/Woche reduziert Sarkopenie und erhält Knochendichte
5
Auch Späteinsteiger profitieren
Es ist nie zu spät, mit regelmäßiger Bewegung zu beginnen
6
Vielfalt ist wichtig
Kombination aus Ausdauer, Kraft, Mobilität und Balance optimal
Lesezeit: ~20 Minuten
Wissenschaftlich fundiert

Bewegung als Grundpfeiler der Langlebigkeit

Die Evidenz ist eindeutig: Regelmäßige körperliche Aktivität ist mit einer signifikant reduzierten Gesamtmortalität und einer längeren Gesundheitsspanne assoziiert. Metaanalysen zeigen, dass bereits moderate Bewegung das Risiko für vorzeitigen Tod um 20–30 Prozent senken kann.

Dabei beeinflusst Bewegung nahezu alle sogenannten Hallmarks of Aging positiv: mitochondriale Funktion, zelluläre Seneszenz, Entzündungsmarker, Proteostase und Stammzellaktivität.

Zentrale Erkenntnis

Bewegung ist die vielleicht wirksamste einzelne Intervention zur Verlängerung der Gesundheitsspanne. Keine Pille oder Nahrungsergänzung erreicht vergleichbare Effekte. Die Forschung zeigt: Selbst späte Einsteiger profitieren.

Die wissenschaftliche Grundlage

Epidemiologische Evidenz

Große prospektive Kohortenstudien belegen den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Langlebigkeit:

  • HUNT-Studie (Norwegen): Über 120.000 Teilnehmer, 35 Jahre Follow-up. Regelmäßige körperliche Aktivität war mit einer um 4–5 Jahre erhöhten Lebenserwartung assoziiert.
  • Copenhagen City Heart Study: Jogging war mit einer Reduktion der Gesamtmortalität um 44 Prozent assoziiert. Moderate Intensität zeigte die besten Ergebnisse.
  • UK Biobank: Analysen von über 400.000 Teilnehmern zeigen, dass Krafttraining und Ausdauertraining unabhängig voneinander mit reduzierter Mortalität assoziiert sind.

Dosis-Wirkungs-Beziehung

Die Forschung zeigt einen nichtlinearen Zusammenhang zwischen Bewegungsumfang und Nutzen:

  • Der größte relative Nutzen entsteht beim Übergang von Inaktivität zu moderater Aktivität.
  • Zusätzlicher Nutzen besteht bis etwa dem 3–5-fachen der WHO-Empfehlungen (450–750 Minuten moderate Aktivität pro Woche).
  • Ein J-förmiger Zusammenhang bei extremen Umfängen (Hochleistungssport) wird diskutiert, die Evidenz ist jedoch uneinheitlich.

WHO-Empfehlungen für Erwachsene

  • 150–300 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche, oder
  • 75–150 Minuten intensive Ausdaueraktivität pro Woche, oder
  • eine entsprechende Kombination
  • Zusätzlich: Krafttraining an mindestens 2 Tagen pro Woche

Ausdauertraining und kardiorespiratorische Fitness

VO2max als Biomarker der Langlebigkeit

Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) gilt als einer der stärksten Prädiktoren für Langlebigkeit. Sie misst die Fähigkeit des Körpers, Sauerstoff während maximaler Anstrengung aufzunehmen und zu nutzen.

  • Studien zeigen, dass eine niedrige kardiorespiratorische Fitness mit einem ähnlich hohen Mortalitätsrisiko verbunden ist wie Rauchen oder Diabetes.
  • Eine Verbesserung der VO2max um 1 MET (metabolisches Äquivalent) ist mit einer Risikoreduktion von etwa 10–15 Prozent assoziiert.
  • Die VO2max nimmt ab dem 30. Lebensjahr um etwa 1 Prozent pro Jahr ab. Training kann diesen Rückgang verlangsamen.

Studienzusammenfassung: Kardiorespiratorische Fitness und Mortalität

Eine 2018 im JAMA veröffentlichte Studie mit über 122.000 Teilnehmern zeigte: Personen im höchsten Quintil der kardiorespiratorischen Fitness hatten ein um 80 Prozent geringeres Mortalitätsrisiko als Personen im niedrigsten Quintil. Selbst der Übergang vom niedrigsten zum zweitniedrigsten Quintil reduzierte das Risiko um 50 Prozent.

Quelle: Mandsager et al. (2018). JAMA Network Open.

Trainingsformen

  • Moderate kontinuierliche Aktivität: Zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen bei 60–70 Prozent der maximalen Herzfrequenz.
  • High-Intensity Interval Training (HIIT):Kurze intensive Intervalle (80–95 Prozent HFmax) mit Erholungsphasen. Zeiteffizient, zeigt in Studien ähnliche oder bessere Effekte auf VO2max.
  • Sprint Interval Training (SIT): Maximale Kurzsprints. Effektiv, aber höheres Verletzungsrisiko bei untrainierten Personen.

Mechanismen der Ausdaueranpassung

Regelmäßiges Ausdauertraining führt zu folgenden Adaptationen:

  • Mitochondriale Biogenese: Vermehrung und verbesserte Funktion der Mitochondrien.
  • Verbesserter Glukosestoffwechsel: Erhöhte Insulinsensitivität und GLUT4-Expression.
  • Kardiovaskuläre Adaptationen: Erhöhtes Schlagvolumen, verbesserte endotheliale Funktion, reduzierter Ruhepuls.
  • Entzündungshemmung: Reduktion systemischer Entzündungsmarker wie CRP und IL-6.

Krafttraining und Muskelerhalt

Sarkopenie: Das unterschätzte Risiko

Ab dem 30. Lebensjahr verliert der Mensch ohne gezielte Intervention etwa 3–8 Prozent Muskelmasse pro Dekade. Dieser altersbedingte Muskelschwund (Sarkopenie) ist mit erhöhter Mortalität, Sturzrisiko und funktionellen Einschränkungen assoziiert.

  • Sarkopenie erhöht das Risiko für Pflegebedürftigkeit um das 2–3-fache.
  • Muskelmasse ist ein unabhängiger Prädiktor für Überleben bei schweren Erkrankungen.
  • Krafttraining ist die wirksamste Intervention gegen Sarkopenie – wirksamer als Proteinergänzung allein.

Evidenz zum Krafttraining

Metaanalysen zeigen konsistent positive Effekte:

  • Krafttraining ist mit einer Reduktion der Gesamtmortalität um 10–17 Prozent assoziiert.
  • Zwei oder mehr Krafttrainingseinheiten pro Woche zeigen die besten Ergebnisse.
  • Die Effekte sind unabhängig vom Ausdauertraining – beide zusammen zeigen additive Vorteile.

Trainingsempfehlungen für Kraftaufbau

Basierend auf der aktuellen Evidenz:

  • Frequenz: 2–3 Einheiten pro Woche pro Muskelgruppe.
  • Intensität: 60–80 Prozent des Einwiederholungsmaximums (1RM) für Hypertrophie und Kraftaufbau.
  • Volumen: 3–4 Sätze pro Übung, 8–12 Wiederholungen.
  • Progression: Schrittweise Steigerung von Last oder Volumen über Zeit.
  • Übungsauswahl: Mehrgelenkige Übungen (Kniebeugen, Kreuzheben, Drücken, Rudern) für optimale Effizienz.

Krafttraining im höheren Alter

Die Evidenz zeigt eindeutig: Auch im hohen Alter ist Krafttraining sicher und effektiv.

  • 80-Jährige können Muskelmasse und Kraft signifikant steigern.
  • Funktionelle Verbesserungen (Aufstehen, Treppensteigen, Balance) sind gut dokumentiert.
  • Sturzrisiko wird durch Krafttraining nachweislich reduziert.

Sicherheitshinweise

Vor Beginn eines Krafttrainingsprogramms ist bei folgenden Bedingungen ärztliche Rücksprache erforderlich: kardiovaskuläre Erkrankungen, orthopädische Einschränkungen, unkontrollierter Bluthochdruck, Alter über 60 Jahre ohne bisherige Trainingserfahrung. Die Einführung sollte progressiv mit professioneller Anleitung erfolgen.

Koordination, Gleichgewicht und Beweglichkeit

Die vergessene Komponente

Während Kraft und Ausdauer häufig diskutiert werden, sind Koordination, Gleichgewicht und Beweglichkeit ebenso relevant für gesundes Altern:

  • Sturzprävention: Stürze sind die häufigste Unfallursache bei älteren Menschen. Gleichgewichtstraining reduziert das Sturzrisiko um bis zu 40 Prozent.
  • Funktionelle Unabhängigkeit: Die Fähigkeit, alltägliche Bewegungen sicher auszuführen, hängt stark von Koordination und Beweglichkeit ab.
  • Neurologische Gesundheit: Komplexe Bewegungsaufgaben stimulieren neuronale Plastizität und kognitive Funktionen.

Trainingsformen

  • Tai Chi: In Studien wiederholt mit Sturzprävention und verbessertem Gleichgewicht assoziiert.
  • Yoga: Verbessert Flexibilität, Gleichgewicht und propriozeptive Fähigkeiten.
  • Einbeinübungen: Einfache Übungen wie Einbeinstand können in den Alltag integriert werden.
  • Agilitätstraining: Richtungswechsel und reaktive Bewegungen fördern neuromuskuläre Koordination.

Konkrete Trainingsprotokolle

Einsteiger-Protokoll (Wochen 1–8)

Für Personen ohne bisherige Trainingserfahrung:

  • Ausdauer: 3 × 20 Minuten zügiges Gehen pro Woche. Schrittweise Steigerung auf 30 Minuten.
  • Kraft: 2 × pro Woche Ganzkörpertraining mit Eigengewicht oder leichten Gewichten. Übungen: Kniebeugen (Stuhl als Hilfe), Liegestütze (an der Wand), Rudern mit Theraband, Planks.
  • Gleichgewicht: Tägliches Einbeinstandtraining (je 30 Sekunden pro Seite).

Fortgeschrittenen-Protokoll

Für Personen mit mindestens 6 Monaten Trainingserfahrung:

  • Ausdauer: 3–4 × pro Woche, davon 2 × moderate Dauerbelastung (45–60 Minuten) und 1–2 × HIIT (20–30 Minuten).
  • Kraft: 3 × pro Woche progressives Widerstandstraining. Split möglich (Ober-/Unterkörper) oder Ganzkörper.
  • Koordination: 1–2 × pro Woche Yoga, Tai Chi oder Agilitätstraining.

Longevity-fokussiertes Wochenschema (Beispiel)

TagAktivitätDauer
MontagKrafttraining (Unterkörper)45 Min.
DienstagModerate Ausdauer (Radfahren/Gehen)45–60 Min.
MittwochKrafttraining (Oberkörper)45 Min.
DonnerstagYoga oder Tai Chi30–45 Min.
FreitagHIIT oder Intervalltraining25–30 Min.
SamstagLängere Ausdauer (Wandern/Schwimmen)60–90 Min.
SonntagAktive Erholung oder RuheOptional

Spezielle Überlegungen

Bewegung im Alltag (NEAT)

NEAT (Non-Exercise Activity Thermogenesis, auf Deutsch etwa “Thermogenese durch Alltagsaktivität”) bezeichnet die Energie, die durch alltägliche Bewegung verbraucht wird – also alle körperlichen Aktivitäten außerhalb von geplantem Sport. Studien zeigen:

  • Längeres Sitzen ist unabhängig von Sport mit erhöhter Mortalität assoziiert.
  • Regelmäßige kurze Bewegungspausen (alle 30–60 Minuten) verbessern metabolische Marker.
  • 10.000 Schritte pro Tag sind mit reduzierter Mortalität assoziiert, aber bereits 4.000–7.000 Schritte zeigen Nutzen.

Übertraining und Erholung

Die Regeneration ist ein integraler Bestandteil des Trainings:

  • Schlaf: 7–9 Stunden pro Nacht für optimale Erholung und Muskelproteinsynthese.
  • Periodisierung: Wechsel zwischen intensiven und weniger intensiven Phasen.
  • Deload-Wochen: Reduzierte Intensität alle 4–8 Wochen.
  • Warnsignale: Anhaltende Müdigkeit, sinkende Leistung, erhöhter Ruhepuls, Schlafstörungen.

Zusammenfassung und Praxisempfehlungen

Gesicherte Erkenntnisse (hohe Evidenz)

  • Regelmäßige körperliche Aktivität reduziert die Gesamtmortalität signifikant.
  • Sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining haben unabhängige positive Effekte.
  • Kardiorespiratorische Fitness (VO2max) ist ein starker Prädiktor für Langlebigkeit.
  • Krafttraining kann Sarkopenie effektiv entgegenwirken.

Vielversprechende Erkenntnisse (moderate Evidenz)

  • HIIT kann in kürzerer Zeit ähnliche Adaptationen wie moderate Dauerbelastung induzieren.
  • Gleichgewichtstraining reduziert das Sturzrisiko bei älteren Menschen.
  • Bewegung im Alltag (NEAT) ist ein unabhängiger Faktor für metabolische Gesundheit.

Praktische Ableitungen

  1. Jede Bewegung zählt: Der Übergang von Inaktivität zu moderater Aktivität bringt den größten relativen Nutzen.
  2. Kombinieren: Ausdauer- und Krafttraining ergänzen sich und sollten beide Teil des Programms sein.
  3. Progressiv steigern: Langsame, stetige Steigerung reduziert das Verletzungsrisiko und ermöglicht langfristige Adaptation.
  4. Alltagsbewegung einbauen: Treppen statt Aufzug, Spaziergänge, Steharbeitsplatz – kleine Änderungen summieren sich.
  5. Konsistenz vor Perfektion: Regelmäßigkeit ist wichtiger als optimale Protokolle.
  6. Individualisieren: Programme an persönliche Voraussetzungen, Vorlieben und Gesundheitszustand anpassen.

Medizinischer Hinweis

Die hier dargestellten Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung. Vor Beginn eines neuen Trainingsprogramms ist bei kardiovaskulären Erkrankungen, orthopädischen Einschränkungen, metabolischen Erkrankungen oder im Alter über 60 Jahre ohne bisherige Trainingserfahrung eine ärztliche Untersuchung empfohlen. Bei akuten Beschwerden sollte das Training unterbrochen werden.

Quellenangaben

[1]

Mandsager, K., et al. (2018). Association of Cardiorespiratory Fitness With Long-term Mortality Among Adults Undergoing Exercise Treadmill Testing. JAMA Network Open, 1(6), e183605.

[2]

Momma, H., et al. (2022). Muscle-strengthening activities are associated with lower risk and mortality in major non-communicable diseases: a systematic review and meta-analysis of cohort studies. British Journal of Sports Medicine, 56(13), 755-763.

[3]

Booth, F. W., Roberts, C. K., & Laye, M. J. (2012). Lack of exercise is a major cause of chronic diseases. Comprehensive Physiology, 2(2), 1143-1211.

[4]

World Health Organization (2020). WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour. Geneva: World Health Organization.

[5]

Cruz-Jentoft, A. J., et al. (2019). Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age and Ageing, 48(1), 16-31.

[6]

Arem, H., et al. (2015). Leisure Time Physical Activity and Mortality: A Detailed Pooled Analysis of the Dose-Response Relationship. JAMA Internal Medicine, 175(6), 959-967.

[7]

Valenzuela, P. L., et al. (2023). Exercise benefits on Alzheimer's disease: State-of-the-science. Ageing Research Reviews, 62, 101108.

[8]

Bull, F. C., et al. (2020). World Health Organization 2020 guidelines on physical activity and sedentary behaviour. British Journal of Sports Medicine, 54(24), 1451-1462.

Über den Autor

Stephan Buttgereit

Stephan Buttgereit

Dipl. Oecotrophologe (Ernährungswissenschaftler)

Stephan Buttgereit ist Diplom-Oecotrophologe mit Schwerpunkt Ernährungswissenschaft und Prävention. Sein sportliches Mindset – geprägt durch sein Engagement als Jugendhandballtrainer – verbindet er mit wissenschaftlich fundiertem Wissen über Bewegung und gesundes Altern. Seine Arbeit konzentriert sich auf evidenzbasierte Gesundheitsstrategien zur Förderung von Langlebigkeit. Alle Inhalte werden auf Basis aktueller wissenschaftlicher Literatur erstellt und durch Fachexperten geprüft.

Fachlich geprüft von: Fachliche Prüfung ausstehend, Medizinischer Review durch Sportmediziner geplant

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